Auf ein Astra mit... Paul Pötsch (TRÜMMER)

Genaugenommen hatte ich meine erste Begegnung mit Paul bereits 2012 im Saal II. Er schmiss die Theke, schenkte mir einen Gin Tonic ein und machte Frank Ocean an. Diese Kette an Begebenheiten machte ihn kurz zu meinem persönlichen Held des Abends. Zwei Jahre später gewinnt er mit seiner Band TRÜMMER nicht nur den HANS, einen Hamburger Musikpreis in der Kategorie „Nachwuchs des Jahres“, sondern auch die Herzen der Deutschen Schallplattenkritiker obendrauf.
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TRÜMMER haben eine große Hürde gemeistert: deutsch singen und nicht lächerlich klingen. „Wo ist die Euphorie“  ist eine Hommage an die Sehnsüchte, Aufgewühltheit und das Herumtreiben. Mit verdammt klugen Texten und Tatendrang besingen sie die Schönheit und gleichermaßen die Zerrissenheit der Jugend - ebenso der Stadt (nicht umsonst spielt das Video im besten Club der Welt).

Inmitten ihrer Tour treffen wir Paul auf hanseatisch-grauem Hintergrund an der Elbe und sind uns einig, dass Astra trinken um 13 Uhr völlig in Ordnung ist.

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Trinken wir jetzt echt?

Na sicher. Es ist echt verrückt: Wir haben in Wien gespielt und da sind die Leute total auf Astra abgefahren. Dort gibt es einen Laden, der Hafenjunge heißt. Die verkaufen nur Hamburger Kram und so Seemannsscheiß.

Lustig, eine ähnliche Situation habe ich auch in der Schweiz erfahren. Die gehen da auch voll auf Astra ab. Wie war/ist die Tour bislang?

Die Tour ist total krass. Hamburg, Wien, Leipzig, Köln und Berlin waren ausverkauft. Es ist natürlich eine vollkommen neue Erfahrung: Die Leute kommen zum ersten Mal unseretwegen und schreien die Texte voller Inbrunst mit. 

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Das ging jetzt bei euch auch alles ziemlich schnell. Ich hab` neulich durch Zufall mitbekommen, dass du mal was zusammen mit Levente Pavelka gemacht hast?

Ja, Levente ist ein ziemlich guter Freund von mir und ich hab mal bei ihm im Musikvideo mitgespielt. Es kam leider nie zu einem gemeinsamen Projekt. Jeder hat seinen eigenen Kram zu tun.

Es ist ja auch komplett was anderes, was ihr so macht…

Hm, ich würde mich auch gerne mal an elektronischen Sachen ausprobieren.

Ja? Also weltoffen und nicht festgefahren wie manch andere Bands?

Das Spezielle an Hamburg ist, dass es eben hier so nicht ist und funktioniert. Ich kenne dieses Verhalten viel mehr aus anderen Städten, in denen die Leute nur in ihrer eigenen Szene festsitzen. Ehrlich gesagt empfinde ich das als ziemlich langweilig.

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SPIEGEL ONLINE betitelte euer Album als „Testament der Hoffnung“. Wann bist du persönlich zufrieden und wann ist bei dir das Ziel erreicht?

Das ist natürlich schön, wenn das wirklich so ist. Ich weiß nicht, ob man von "Ziel erreicht" sprechen kann. Erstens bin ich furchtbar jung und die Band ist es auch. Uns gibt es jetzt seit zweieinhalb Jahren. Deswegen ist "Ziel erreicht" gerade nicht mein Thema sondern eher: anfangen und ausprobieren. Zufrieden bin ich, wenn ich das Gefühl habe, meine Vorstellungen realisieren zu können. Lange, lange habe ich davon geträumt eine Band zu gründen. Ich hatte auch vorher andere, die nicht funktioniert haben, und das ist ein Moment von Zufriedenheit: Wenn man sich etwas stark wünscht und sich eine eigene Welt aufbauen will und merkt: „Ok krass, wir haben es geschafft. Es ist jetzt da und von hier aus können wir weitergehen.“

Im Prinzip sind das ja alles Babysteps, die ihr gegangen seid. Habt ihr Sachen, bei denen ihr sagt „Ok geil, wir sind jetzt da an dem Punkt und als nächstes wollen wir aber das und jenes erreichen.“?

So funktioniert die Band nicht. Das ist alles total aus Spaß und Jucks entstanden. Wir haben am Anfang bei mir zu siebt in der Wohnung geprobt. Ich habe noch Schlagzeug gespielt und unser jetziger Manager hat gesungen; Pola von Zucker hat Synthie gespielt. Wir waren ein Quatschhaufen, der zusammen Krach gemacht hat. Daraus ist dann die Band enstanden. Ambitionsloser könnte man es eigentlich gar nicht angehen (lacht). Und so machen wir das. Es passiert alles ganz gemächlich und organisch. Ich finde diese Reißbrett-Idee von Band ziemlich ätzend.

Ja, aber leider gehts es irgendwann immer um Geld.

Hmm, na klar. Es geht immer um Geld, weil wir schlicht im Kapitalismus leben. Hauptsache, man achtet darauf, dass alles nach seinen eigenen Bedingungen geschieht.

„Lieber ein offenes Ende als ein Leben ohne Sinn.“ ist ein Songtext von euch. Glaubst du, dass ein offenes Ende die Menschen nicht eher zerreißt?

Das ist jetzt sehr schwer zu erklären. Die ganze Platte handelt ja davon, dass wir das Gefühl verspüren in einer Zeit zu leben, in der sich alles um`s Funktionieren dreht. Es dreht sich um Kontrolle und um Sicherheit. Das finde ich persönlich alles uninteressant, vor allem wenn man jung ist. Dieser Text ist eigentlich ein Aufruf, Dinge passieren zu lassen und sich sein eigenes Leben nicht durchzuplanen. Mach` doch mal was, was sich nicht lohnt, geh' ein Experiment mit dir selbst ein. Deswegen würde ich nicht sagen, dass ein offenes Ende die Menschen zerreißt. Vielmehr die Möglichkeit zeigt, ein anderes Ende leben zu können.



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Denkst du, wir leben in einer gelangweilten Gesellschaft, die parallel das Prinzip Raupe Nimmersatt verfolgt - durch die vielen Möglichkeiten, die dir gegeben sind, kannst du unendlich viel fressen und auf der anderen Seite bist du vielleicht gleichermaßen gelangweilt?!

Schwierig. Ich bin nicht der Experte für unsere Generation. Wir, die Band sind ja auch ein Bestandteil dieser Generation und alles, was ich singe, singe ich letztendlich auch über mich. Über meine Ängste, meine Sehnsüchte. Ich glaube einfach, dass es einem sehr schwergemacht wird, sein eigenes Ding zu machen. Man muss immer relativ schnell einen Karriereplan entwickeln. Sich da rauszukämpfen ist sehr, sehr mühsam. Ich glaube schon, dass die Leute voller Träume und Sehnsüchte sind. Es ist nur sehr schwer, diese dann auch umzusetzen.

Vermutlich auch sehr persönlichkeitsbedingt. Jeder geht mit seinen Träumen anders um. Viele geben auch früher auf als nötig.

Ich kann es nur an mir beobachten: Als 16,17 Jahre alt war, hatte ich ziemlich klare Ansichten und die Welt war sehr einfach einzuteilen in Gut und Böse. So ist man eben als Teenie. Die Strenge mit sich selbst und den anderen habe ich mit Anfang 20 verloren. Ich versuche, diese Energie wieder heraufzubeschwören mit den Texten, aber ich stelle mich nicht hin und klage meine Generation an. Das wäre zu simpel und zu blöd.

Ist aufgeben für dich eine Möglichkeit?

Niemals. Natürlich nicht. Ich glaube, man muss unbedingt positiv sein und bleiben.

Wie schafft ihr es euch immer wieder frei zu machen in eurem ganzen Tun und Sein?

Das kommt, glaube ich, von einem gewissen Punkding. Was wir machen, würde ich schon auf eine Art als Punk bezeichnen. Wir machen das, was wir wollen, auch wenn wir es gar nicht richtig können (lacht). Das ist ja die Uridee von Punk. Mach, was du willst, auch, wenn du es gar nicht richtig kannst. Du musst nicht richtig Gitarre spielen können, du musst nicht richtig singen können, hauptsache du hast Bock und dann wird es schon gut werden.

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Authentizität ist vermutlich das Stichwort.

Vermutlich ja! Oder eher Glaubwürdigkeit.

Inwiefern spielt Hamburg eine Rolle? Es spiegelt sich alles in eurer Musik immer ein bisschen wi(e)der, aber ganz konkret, wenn man tiefer in die Marterie geht? Wahrscheinlich würde die Musik so, wie sie jetzt ist, nicht in der Form existieren, gar anders klingen, wenn ihr z.B. in Köln wärt.

Dessen bin ich mir gar nicht mal so sicher. Es gibt gerade sehr viele spannende Bands, die nicht aus Hamburg kommen. Aus Stuttgart oder Münster, Berlin und München. Ich glaube eher, dass die Art und Weise, wie ich Texte geschrieben habe davon inspiriert ist. Es ist einfach so viel Scheiße passiert. Ich wohne direkt bei den Esso-Häusern, habe den ganzen Abriss mitbekommen und die ganzen Gefahrengebiete. Dann fragt man sich natürlich, in was für einer Stadt lebt man und was für eine Politik herrscht hier. Man wundert sich die ganze Zeit und kommt sich in der eigenen Lebensrealität fremd vor. 

Du bist jetzt sechs Jahre hier. Ich habe immer persönlich das Gefühl, dass sich eher die ‚Dazugezogenen‘ tatsächlich auflehnen als die Locals. Klar, viele Locals sind auch nicht zufrieden, aber nach wie vor erweckt es den Anschein, dass gerade Leute wie du einen immensen Einfluss haben.

Kommst du aus Hamburg?

Ne. Bin auch ein Kleinstadtkind.

Ich kann nur von mir sprechen. Aus der tiefsten Provinz Brandenburg bin ich mit 13 in den Schwarzwald gezogen - also noch schlimmer, aber anders schlimm. Mit 19 nach München und ein halbes Jahr später nach Hamburg. Ich glaube, wenn du im Kaff aufwächst, hast du eine totale Projektion. Du denkst die ganze Zeit: „Wenn ich endlich aus der Schule‚ raus bin, kann ich umziehen und dann wird alles geil. Von einem Tag auf den anderen wird sich mein Leben verbessern. Ich kenne dann nur noch coole Leute und mache den ganzen Tag nur coole Sachen.“ Das ist einerseits eine schöne Illusion, die antreiben kann und andererseits wird man natürlich auch sehr schnell enttäuscht. Vorallem in einer Stadt wie Hamburg. Nicht aufgrund der Menschen sondern aufgrund der Politik. Das ist hier zum kotzen. Diese Enttäuschung muss man benutzen und positiv umwenden; daraus eine Wut machen und Aktionen.

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Lass uns nochmal über den Gentrifizierungsquatsch sprechen. Was hältst du von Wilhelmsburg und der Entwicklung?

Es ist problematisch zu sagen, dass eine Stadt sich dafür entscheidet, ein Viertel aufzuwerten. Ich glaube, das funktioniert einfach nicht. Solche Sachen müssen organisch und von selbst passieren. Dieses politische Hip-Machen funktioniert nicht. Eigentlich sollte man dort eine Kneipe eröffnen und sie „Zur freundlichen Gentrifizierung“ nennen.

Letze Frage! Was ist spießig?

Angst vor sich selbst haben. Angst vor seinen eigenen Wünschen, Träumen und Vorstellungen.

Danke dir, Paul. Ich würde sagen wir gehen das demnächst mit der Kneipe an ...

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Interview: Lena

Fotos und Nachbearbeitung:  Yelda Yilmaz.

End-Redaktion und Zitate: Kathrin und Max

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